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Gaslighting – Wenn du beginnst, an deiner eigenen Wahrnehmung zu zweifeln

14. Juli
4 Min. Lesezeit

Anna entdeckt auf dem Handy ihres Partners Nachrichten mit einer anderen Frau. Darin nennt er sie „wunderschön“, schreibt, dass er sich auf das nächste Treffen freut, und beendet mehrere Nachrichten mit Herzen. Als Anna ihn darauf anspricht, reagiert er nicht auf ihre Frage, sondern sagt: „Du bist unglaublich eifersüchtig. Du interpretierst da Dinge hinein, die gar nicht existieren. Du bist einfach wahnsinnig unsicher ! Daran solltest du lieber arbeiten.“ Anna erklärt, dass sie die Nachrichten selbst gelesen hat. Darauf antwortet er:„ Du erinnerst dich falsch.“Als Anna das Thema nicht einfach auf sich beruhen lässt, wird er ärgerlich: „Mit deinen ständigen Vorwürfen machst du unsere Beziehung kaputt. Ich halte das langsam nicht mehr aus.“Am Ende entschuldigt sich Anna sogar dafür, das Thema überhaupt angesprochen zu haben. Statt sich zu fragen, ob das Verhalten ihres Partners angemessen war, beschäftigt sie nur noch eine Frage:„Stimmt vielleicht wirklich etwas mit mir?“


Felix entdeckt mehrere hohe Abbuchungen vom gemeinsamen Konto, die seine Partnerin ihm verschwiegen hat. Als er sie darauf anspricht, sagt sie zunächst:„Das stimmt doch gar nicht. Du hast einfach keine Ahnung von unseren Finanzen.“Als Felix ihr die Kontoauszüge zeigt, reagiert sie gereizt. „Unglaublich, dass du mir hinterherspionierst. Du vertraust mir überhaupt nicht.“ Schließlich sagt sie: „Mit deiner ständigen Kontrolle machst du unsere Beziehung kaputt.“ Am Ende fragt sich Felix nicht mehr, warum das Geld ausgegeben wurde, sondern ob er tatsächlich zu misstrauisch ist.


„Vielleicht bilde ich mir das wirklich nur ein.“


Wenn dieser Gedanke nach Konflikten immer häufiger auftaucht, kann das sehr verunsichernd sein. Viele Menschen, die psychische Manipulation erleben, berichten genau davon: Sie zweifeln zunehmend an ihren Erinnerungen, ihren Gefühlen oder ihrer Wahrnehmung.


Ein möglicher Grund dafür kann Gaslighting sein.


Gaslighting ist eine Form psychischer Manipulation, bei der die Wahrnehmung, Erinnerungen oder Gefühle einer anderen Person wiederholt infrage gestellt werden. Dies geschieht meist schleichend über einen längeren Zeitraum. Entscheidend ist das wiederkehrende Muster: Die betroffene Person wird immer wieder dazu gebracht, an sich selbst zu zweifeln.


Gaslighting kann in Partnerschaften auftreten, aber auch innerhalb der Familie, im

Freundeskreis oder am Arbeitsplatz.


Gaslighting muss nicht immer bewusst oder geplant erfolgen. Manche Menschen haben gelernt,

Verantwortung konsequent abzuwehren oder Schuld nach außen zu verlagern, ohne sich

dieses Verhaltens vollständig bewusst zu sein.


Für die betroffene Person kann die Wirkung dennoch verheerend sein: Sie verliert nach und

nach das Vertrauen in ihre eigene Wahrnehmung. Obwohl die belastenden Situationen

weiterhin bestehen, beginnt sie, ihre Gefühle, Erinnerungen und Einschätzungen immer

häufiger infrage zu stellen. Der emotionale Druck verschwindet nicht; stattdessen richtet sich

der Zweifel zunehmend gegen die eigene Person.


Viele Betroffene fragen sich irgendwann, ob sie überempfindlich sind, Situationen falsch

einschätzen oder sich Dinge nur einbilden. Manche tun sich zunehmend schwer, Konflikte klar wiederzugeben, weil sie sich nicht mehr sicher sind, was tatsächlich passiert ist und was nicht. Andere entschuldigen sich für berechtigte Bedürfnisse oder übernehmen Verantwortung für Probleme, die sie nicht verursacht haben. Mit der Zeit kann dies das Selbstwertgefühl erheblich beeinträchtigen und dazu führen, dass Betroffene ihrer eigenen Wahrnehmung immer weniger vertrauen.


Menschen, die Gaslighting erleben, hören häufig Sätze wie:


● „Das bildest du dir nur ein.“

● „Du bist viel zu empfindlich.“

● „Das habe ich nie gesagt.“

● „Du erinnerst dich falsch.“

● „Du übertreibst mal wieder.“

● „Mit dir kann man einfach nicht vernünftig reden.“


Ein einzelner Satz bedeutet noch nicht, dass Gaslighting vorliegt. Wiederholen sich solche

Aussagen jedoch regelmäßig und führen dazu, dass du deine Wahrnehmung immer häufiger

infrage stellst, lohnt es sich, genauer hinzuschauen.


Ein häufiges Element von Gaslighting ist die sogenannte Täter-Opfer-Umkehr.


Anstatt Verantwortung für das eigene Verhalten zu übernehmen, wird die betroffene Person zur eigentlichen Verursacherin des Problems gemacht. Plötzlich geht es nicht mehr um die

ursprüngliche Verletzung, sondern darum, dass das Gegenüber angeblich überreagiert, zu

empfindlich ist oder ständig Streit sucht.


Das kann beispielsweise so aussehen:


● Eine Lüge wird aufgedeckt , und dann heißt es: „Wenn du mir mehr vertrauen würdest, hätten wir dieses Problem gar nicht.“

● Jemand wird laut oder beleidigend und erklärt anschließend: „Du hast mich eben provoziert.“

● Eine berechtigte Kritik wird mit den Worten abgewehrt: „Du bist einfach viel zu sensibel.“


Mit der Zeit entstehen häufig Schuldgefühle und Selbstzweifel. Betroffene fragen sich immer öfter, ob sie tatsächlich das Problem sind.


DARVO – Ein häufiges Muster psychischer Manipulation


Im Zusammenhang mit Gaslighting fällt häufig auch der Begriff DARVO. Die Abkürzung steht für:


● Deny (Leugnen)

● Attack (Angreifen)

● Reverse Victim and Offender (Täter und Opfer vertauschen)


Dieses Muster läuft häufig in genau dieser Reihenfolge ab.


Zunächst wird das eigene Verhalten abgestritten: „Das stimmt überhaupt nicht.“


Anschließend wird die andere Person angegriffen:


„Du bist viel zu empfindlich.“

„Mit dir kann man überhaupt nicht reden.“


Zum Schluss werden die Rollen vertauscht:


„Ich muss ständig unter deinen Vorwürfen leiden.“

„Du machst mich mit deiner Eifersucht völlig fertig.“


Für Betroffene ist dieses Muster besonders verwirrend. Ein Gespräch, das mit einer berechtigten Frage begonnen hat, endet plötzlich damit, dass sie sich selbst entschuldigen oder schuldig fühlen.


Wenn du den Eindruck hast, dass deine Wahrnehmung immer wieder infrage gestellt wird, kann es hilfreich sein,


● deine Gefühle ernst zu nehmen,

● wichtige Gespräche oder Ereignisse für dich zu notieren,

● dich mit vertrauten Menschen auszutauschen,

● dir professionelle Unterstützung zu suchen, wenn die Verunsicherung immer größer wird.


Eine gesunde Beziehung lässt unterschiedliche Sichtweisen zu. Sie führt nicht dazu, dass du dauerhaft an deinem Gedächtnis, deinen Gefühlen oder deinem Urteilsvermögen zweifelst. Wenn dir diese Dynamiken bekannt vorkommen, lohnt es sich, genauer hinzuschauen.



 
 
 

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